Sam Cottington
All Day

im Museum Schaffen

9. Mai – 26. Juli 2026

 
 

Die Kunsthalle Winterthur zieht bis Dezember 2026 aufgrund der Renovierung ihres historischen Gebäudes, des Waaghauses, vorübergehend um. Das diesjährige Ausstellungsprogramm beginnt mit einer Intervention von Sam Cottington im Museum Schaffen.

All Day nimmt sich das Museum Schaffen zum Ausgangspunkt – eine Institution, die Arbeit als historisch gewachsene kulturelle Praxis begreift und die soziale Dimension von Produktionsprozessen sichtbar macht. Oft bauen die Ausstellungen des Museums auf der historischen Rolle Winterthurs als Knotenpunkt der Schweizer Industriegeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts auf – einer Zeit, in der die finanziellen und sozialen Grundlagen geschaffen wurden, die bis heute die kulturelle Identität der Stadt prägen. In diesem Sinne widmet sich das Museum Schaffen den Nachwirkungen historischer Entwicklungen – aktuell im Rahmen einer umfangreichen Ausstellung zur Winterthurer Brauerei Haldengut: «Erinnerungstank Haldengut» gilt insbesondere den Zeugnissen der vielfältigen Berufe, die ein derart grosses Unternehmen versammelt. Parallel dazu präsentiert Sam Cottington eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Museum selbst als Produkt sozial geformter Ökonomien – wobei Ökonomien hier nicht nur als Systeme der Arbeit zu verstehen sind, sondern als performative Strukturen, über die Beziehungen geordnet und artikuliert werden.

Der Besuch einer Ausstellung zeigt sich als tief habitualisierte, routinierte Praxis. Wir treten ein, lösen ein Billett, geben unsere Taschen ab, gehen in die Ausstellung, bewegen uns bis zu ihrem Ende hindurch, machen eine Pause im Café, holen unsere Taschen wieder ab und verlassen das Gebäude. Die vorhandenen Infrastrukturen, Codes und Rhythmen zeichnen Pfade vor, die auf Begegnung, Wissensvermittlung und Partizipation ausgerichtet sind, und letztlich darauf, die parallel laufenden Mechanismen des Museums zu umgehen. Diese Abläufe sichtbar zu machen, hat unter Künstler*innen eine lange Tradition – insbesondere im Rahmen der Institutionskritik –, eine Tradition, die inzwischen fest in museale Strukturen reintegriert und von diesen vereinnahmt wurde. Cottington eröffnet einen Raum, in dem das «Kunstwerk» zum bizarren Objekt wird: zu einem Objekt mit einer kontingenten, aber vorübergehenden Beziehung zur scheinbar stabilen Logik seines (nicht-künstlerischen) Kontexts. In diesen Werken steht der Gedanke, Arbeit sichtbar zu machen, im Widerstreit mit dem Verständnis von Institutionskritik als kohärenter künstlerischer Methode – zugleich bestehen die Werke auf einer «Wirklichkeit», in der Begegnungen (mit Objekten, Erfahrungen, Menschen) von Widersprüchen durchzogen sind.

Noch bevor die Ausstellung beginnt, nachdem wir sie verlassen haben, während wir uns davon entfernen – Cottingtons Arbeiten begegnen uns an den Schwellen des Museums, in dessen unsichtbaren Produktionsbereichen: in Abläufen des Empfangs, in Formen der Vermittlung und Partizipation, in Räumen der Instandhaltung. Dort führen sie das Intime, Lebendige und Perverse ein – all das, was Cottingtons Interesse an der «Erfahrung der Erfahrung» antreibt. Die Arbeiten in All Day nähern sich dem Ausstellungskontext über die Erzählmittel des Theaters. Sie fungieren als Requisiten und Cues, legen Handlungen nahe, adressieren Erwartungen und strukturieren Begegnungen, die stattfinden mögen oder auch nicht. Die Besucher*innen bewegen sich durch ein Setting, in dem die Rollen zwischen Publikum, Teilnehmenden und Aufführung nicht abschliessend festgelegt sind. In dieser Logik wird das Museum zu einem Ort fortlaufender Proben. Es ist nicht die Aufführung als solche, sondern die Möglichkeit ihres Entstehens auf der Vor- und Hinterbühne des Museums, die Cottington hier ins Spiel bringt.

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Die Ausstellung wird von einem Gespräch zwischen Sam Cottington und der Kunsthistorikerin und -kritikerin Sabeth Buchmann begleitet, das am 25. Juni 2026 im Museum Schaffen stattfindet.

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Sam Cottington (*1993, lebt in London) ist ein Künstler, Autor und Theatermacher. Im Jahr 2025 schloss er sein Studium an der Städelschule in Frankfurt in der Klasse von Monica Baer ab. Cottington ist Associate Artist bei London Performance Studios, wo er noch in diesem Jahr ein neues Bühnenwerk präsentieren wird. Phone Plays, eine Sammlung von Cottingtons Stücken, die für Aufführungen am Telefon geschrieben wurden, erschien 2024 bei Montez Press.