Camilla Wills
The path

5. September – 9. November 2025
Eröffnung Donnerstag, 4. September, 17 Uhr

«Du bist auf der Suche nach Weisheit, und das ist niederschmetternd.»[1] In diesem Raum gibt es Entwicklung, aber keinen Fortschritt – eher eine Abfolge von Schritten als ein stetiges Vorankommen. Bereits im ersten Saal der Kunsthalle Winterthur reihen sich hunderte Behälter entlang der Wände, präsentiert auf einem durchgehenden Plexiglasregal. Die mit Farbe gefüllten Gläser sind mit gedruckten Titeln beklebt: «Camera» / «Months months months months» / «daddy no caps» / «Prizes». Während der Vorbereitung der Ausstellung leerte und räumte Wills sämtliche Farben aus, die sie in ihrem Atelier hatte. «Before content is pre-content», sagt Wills (Vor dem Inhalt kommt der Vor-Inhalt). Der pre-content ist das Stadium des Sprechens, das wie Milch ist. Zu diesem Stadium zu gelangen mag sich wie der Versuch anfühlen, in einen Zustand der Kindheit zurückzukehren, wie das Aufkeimen eines sexuellen Triebs oder wie das Miterleben eines Todes; also zu einem Seinszustand, der offen für die Welt ist, aber nicht von der Gesellschaft geformt. Eine monochrome Malerei, in zwei Teile geschnitten, hängt ebenfalls in diesem ersten Raum. Sie steht für das, was die Behälter nicht tun: die Farbe der Form freizugeben. Die Gläser halten dieses Freisetzen zurück; ihre Beschriftungen sind ein Vorschlag dessen, was sich einmal materialisieren könnte.

Journalism 1, 2, 3 und 4 bilden die zweite Achse der Ausstellung – Collagen, die Journalist:innen mit verdeckten Augen zeigen. Sylvia von Harden war eine Journalistin in der Weimarer Zeit, von Otto Dix portraitiert: rauchend, trinkend und mit Monokel, ihre Gesichtszüge verzerrt und überzogen. Marie Colvin war Kriegsberichterstatterin für die Sunday Times und wurde Zeugin diverser Konflikte in den 1990ern und frühen 2000ern. Sie verlor ein Auge bei der Berichterstattung über den Bürgerkrieg in Sri Lanka und wurde 2012 in Syrien getötet. Von ihr ist ein Doppelportrait zu sehen. Julian Assange ist australischer Investigativjournalist und Gründer von Wikileaks; hier zwinkert er durch das Fenster eines Gefangenentransporters, als er 2019 am Westminster Court ankommt. Die Journalist:innen scheinen für diejenigen zu stehen, die Konflikte in Sprache fassen. Das eine Auge steht für Erzählung und Erfahrung, es suggeriert, etwas Reales gesehen zu haben. Das andere Auge ist nach innen, ab von der Welt gewandt. Die Ausstellung trägt die gegenwärtige Erfahrung anhaltender Kriege und deren Vermittlung neben der Kunstproduktion mit sich. Viele von uns sind wie Wills in einer Ära aufgewachsen, in der Kriegsberichterstattung über eine Medieninfrastruktur erfolgt, die diese Reportagen mit zielgerichteter Werbung, Celebrity-News, saisonalen Produkttests, Beziehungstipps etc. vermengt. Diese Collagen zeigen eine gewisse Ambivalenz gegenüber dem Sehen als primärem Sinn der Klarheit sowie der Konvention des Gesehenen als einer Art Garantie in der visuellen Kunst.

Wills’ Arbeiten sind labyrinthische Rätsel über die Unmöglichkeit, sich mit einem Bild und seinem Label zu identifizieren. Sie handeln vom Glauben und dessen Schwinden. Collage und Sequenzierung bestimmen ihr künstlerisches Werk – Möglichkeiten, sich mit dem bereits Vorhandenen auseinanderzusetzen und dessen Kernaussage zu verstärken. Manchmal führt ihre Methode zu einer Neuordnung von Bedeutung, jedoch ohne Vorausschau. Diese Techniken zielen darauf ab, visuelle und sprachliche Motive aufzubrechen, etablierte Darstellungen zu überwinden und sie in einem Schwebezustand zu halten, um Raum für neue, ungewohnte Denkweisen zu schaffen. Die Collage ist historisch das Medium für Dinge, die nicht zusammenpassen. Sie vermag es, Erkennen jederzeit in Verkennen umschlagen zu lassen. «Wie kommt es, dass sich Zerrissenheit, Vibration und Unvollständigkeit oft näher an der Wahrheit anfühlen?», fragt Wills. Sie ist an der seltsamen Wahrheit eines Kunstwerks interessiert, daran, woher die Energie der Überzeugung und der Antrieb der Autor:innenschaft kommen, und was diese Handlungen aus dem gewöhnlichen, alltäglichen Bereich des Anonymen heraushebt. Die Werke benötigen sich gegenseitig, um einheitliche Lesarten zu trüben und um Bedeutung zu schaffen, die über eine Arbeit sowie eine:n Künstler:in hinausgeht. The path gleicht dem Sprechen in einer Konversation.

[1] Fanny Howe, Holy Smoke, ursprünglich im Jahr 1979 veröffentlicht.

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Camilla Wills (*1985, lebt in London) ist eine britische Künstlerin und Verlegerin. Zusammen mit Eleanor Ivory Weber gründete Wills 2019 den Verlag Divided Publishing. Sie veröffentlichen Künstler:innentexte, kritische Theorie, Philosophie, Poesie und Fiction. Ziel ist es, Diskurse und Literatur aus der Kunstwelt und der Wissenschaft aktiv und breit in Taschenbuchform zu verbreiten. Wills' künstlerische Praxis arbeitet auf einer ähnlichen redaktionellen Ebene wie ihre Arbeit als Verlegerin.  

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