Passage du Commerce
Merry Alpern, Louis Backhouse, Thilda Bourqui, Edward Dean / Matthew Linde, Solomon Garçon, Adrien Genty, Arthur Gillet, The Guy Bourdin Estate, Ellen Poppy Hill, Niels Hung, Irini Karayannopoulou, Ferdinand Kalfoss, Leander Kreissl, Jesaja Kroessin, Sveta Mordovskaya, Nation, Josip Novosel, Janosch Schaffner, Karmel Spanier, Jordi Theler, Leevi Toija, Women's History Museum, Perla Zuñiga (u.a.) & Fotos aus dem Bildarchiv Winterthur
Kuratiert von Sven Gex
13. Dezember 2025 – 1. März 2026
Eröffnung Freitag, 12. Dezember, 18:30 Uhr
Im 3. Raum der Kunsthalle Winterthur
Leevi Toija, untitled (gestures), 2025, in Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Perla Zuñiga, Neverland 2, Neverland 3, Neverland 4 & Neverland 1, 2024, in Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Adrien Genty, Mère, Parvaneh cross, 2025 / Irini Karayannopoulou, There’s a revolution in the streets, 2015, in Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Merry Alpern, Fotografische Abzüge von Standbildern aus dem Film Shopping der Künstlerin aus dem Jahr 1999, in Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Janosch Schaffner, Untitled, 2025 / Guy Bourdin, Diverse Anzeigen für Charles Jourdin, 1967–1979, in Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Adrien Genty, La Source, 2025 / Jesaja Kroessin, Girl, 2025, in Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Guy Bourdin, Diverse Anzeigen für Charles Jourdan, 1967–1979, in Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Adrien Genty, Mère, 2020 / Thilda Bourqui, Sweets, 2025 / Arthur Gillet, Minimum wage, 2024, in Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Sveta Mordovskaya, Keep Facing Sideways, 2025, in Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Solomon Garçon, Bonnie, 2025 / Louis Backhouse, Catwoman Drawings, 2024 / Sveta Mordovskaya, Keep Facing Sideways, 2025 / Ferdinand Kalfoss, Attractions (Landmarks) Empire, Notre Dame, Big Ben, 2025, in Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Ellen Poppy Hill, Zip Dress, 2024 & Paper Heels, 2025 / Women's History Museum, Column dress and Boxing Glove shoes, 2025 & 2024 / Jesaja Kroessin, Girl, 2025 / Leander Kreissl, Untitled, 2024 / Guy Bourdin, Diverse Anzeigen für Charles Jourdan, 1967–1979, in Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Leander Kreissl, Untitled, 2024 / Guy Bourdin, Diverse Anzeigen für Charles Jourdan, 1967–1979, in Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Merry Alpern, Fotografische Abzüge von Standbildern aus dem Film Shopping der Künstlerin aus dem Jahr 1999, in Passage du Commerce, Kunsthalle Winterthur, 2025. Foto: Cedric Mussano
Das Winterthurer Waaghaus, in dem sich die Kunsthalle Winterthur befindet, wurde 1503 errichtet. Es spielte eine zentrale Rolle und steht beispielhaft für den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt, der letztlich entscheidend zur Entwicklung Winterthurs als Schweizer Kulturstadt beitrug. Die vier prägenden Arkaden an der Fassade des Gebäudes bildeten die Einfahrten, durch die Wagen in eine offene Halle gelangten, in der Waren geprüft und Zölle erhoben wurden. In den oberen Stockwerken des Waaghauses fanden sich Festsäle für Bankette, Tanz und Theateraufführungen. Die Marktgasse, in der das Waaghaus heute zwischen einem Magic X Sexshop und einer Müller Drogerie eingebettet liegt, war ursprünglich eine wichtige Handelsroute. Später entwickelte sie sich zum Hauptmarktplatz der Stadt, an dem sich Kaufmannshäuser, Werkstätten und Gasthöfe ansiedelten, die sowohl Reisende als auch lokale Handwerker versorgten.
Mit der Einführung der Eisenbahn in Winterthur im Jahr 1855 wurde das Waaghaus in seiner bisherigen Funktion überflüssig, und das Erdgeschoss diente fortan als Wärmestube, als Lager für Feuerwehrausrüstung und als Bibliothek. Im obersten Stockwerk wurden die Säle umgebaut, um dem Kunstverein Winterthur seinen ersten Standort zu bieten, bevor dieser 1915 in sein heutiges Gebäude – das Kunst Museum Winterthur / Beim Stadthaus – umzog. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich auch die Ladenarchitektur in der Marktgasse: Eines der ersten Kaufhäuser des Landes, das Rothaus, wurde 1907 errichtet, dessen Schaufenster später Künstler wie Bendicht Fivian gestalteten. Das Eisenwarengeschäft Hasler + Co AG wurde 1933 im Stil des Neuen Bauens fertiggestellt. Erst 1970 wurden die Galerien im obersten Stockwerk des Waaghauses, die seither die Kunsthalle Winterthur beherbergen, wieder genutzt.
Dies ist die Szene für Passage du Commerce. Es ist die bekannte Geschichte einer Einkaufsstrasse, die sich aus ihrer kaufmännischen Vergangenheit zu einem heutigen Zentrum des Kommerzes gewandelt hat. Passage du Commerce bezieht sich auf das gleichnamige Gemälde von Balthus aus den Jahren 1952–54, in dem eine Einkaufsstrasse in eine traumähnliche Bühne verwandelt wird. Die Figuren, die sie beleben, scheinen in Gedanken versunken. Zwischen ihnen findet kein Austausch statt. Als Charaktere in einem Stück würden sie als solche ohne Hintergrundgeschichten beschrieben. Sie könnten austauschbar sein und wirken wie in der Schwebe, als würden Darsteller:innen posieren. Sie bevölkern die Strasse und sind doch von ihrer Umgebung abgekoppelt, verhaftet im Akt des Kaufens. In dieser Absurdität liegt ein Genuss, in einer Atmosphäre von Verführung wie auch von Verstörung. Es ist ein Bild der Entfremdung, symbolisch für die Verwandlung der Einkaufsstrasse von einem Ort des lebhaften Handels zu einem der Stagnation. Es ist nicht so, als ob die Strasse – wie einst prognostiziert – den Warenhäusern gewichen wäre; vielmehr ist sie selbst zu einem geworden.
Die Ausstellung zeigt Werke von Künstler:innen, die die Einkaufsstrasse als Ort historischer Widersprüche beleuchten: einerseits als lebendigen Treffpunkt und sozialen Raum des urbanen Lebens; andererseits als Spiegel einer Konsumkultur, die durch sich wiederholende Markenstrategien zunehmend standardisiert wird. Die Werke bevölkern den Raum und bilden Fenster in verschiedene Szenen, wie Einblicke in verschiedene Städte. Viele nutzen Wiederholung als Methode der Abstraktion und Entfremdung, um das Absurde hervorzuheben, das im Aufeinandertreffen von verschiedenen Zeiten und Ästhetiken in der Einkaufsstrasse entsteht. In ihren losgelösten und mitunter unlogischen Zugängen ahmen sie die Collage der Konsumkultur und ihre fantastische Darstellung von Persönlichkeit nach.
Die von Sven Gex kuratierte Ausstellung findet im dritten Raum der Kunsthalle Winterthur statt, der üblicherweise als Bibliothek, Büro und Veranstaltungsraum dient. Nächstes Jahr, 2026, wird die Kunsthalle Winterthur von April bis Dezember renoviert. Die Ausstellung antizipiert diese Bewegung aus dem Gebäude, kehrt die Situation um, und holt das Aussen nach innen.