Shade Théret
Daybreak
im CAMPO, SKKG
10. & 11. September 2026, 20 Uhr

Eine Tanzperformance im CAMPO, einem Raum der Stiftung für Kunst, Kultur & Geschichte.

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“Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben. Wir interpretieren, was wir sehen und suchen uns die praktikabelste der verschiedenen Lösungen aus. Wir leben voll und ganz darin, dass wir eine narrative Linie über verstreute Bilder legen, von den ‘Ideen’, mit denen wir gelernt haben, die sich ständig verändernde Phantasmagorie einzufrienen, die unsere Erfahrung ausmacht.” Joan Didion, Das weiße Album

Ausgehend von ihrer Auseinandersetzung mit Anonymität, Überwachung und Kommodifizierung des sozialen Lebens präsentiert die Choreografin und Tänzerin Shade Théret mit Daybreak ein Solo, das um die Figur der Vagabundin kreist. Die Vagabundin bewegt sich durch den Raum, ohne darin zu verharren, und verweigert sich auf diese Weise den Strukturen, die von ihr verlangen, sich zu erkennen zu geben, teilzunehmen und dazuzugehören. In ihrer vorübergehenden Existenz liegt die Möglichkeit, über Autonomie, das Verschwinden und den Wunsch nachzudenken, ausserhalb der Systeme von Sichtbarkeit und Austausch zu bleiben.

Daybreak greift auf das zurück, was Nathalie Sarraute in Tropismes einfängt: jene flüchtigen, vorbewussten Bewegungen, die im Kontakt mit der Aussenwelt entstehen. Anziehung, Rückzug, Widerstand und Veränderung von Nähe werden zu subtilen Kräften, durch die der Körper fortwährend von seiner Umgebung berührt wird. Sarrautes Fokus darauf, was geschieht, noch bevor eine Empfindung in einen Gedanken oder eine Handlung übergeht, spiegelt sich hier in einer Choreografie wider, die von der innerkörperlichen Spannung zwischen Ordnung und Unruhe getragen wird. Die Vagabundin verweigert sich jeder Bindung, und doch ist es ihr unmöglich, von der sie umgebenden Welt unberührt zu bleiben.

Das Stück entfaltet sich in einem dreiräumigen chantier, in einer fragmentarischen Landschaft aus Mauern und Ruinen. Es evoziert dadurch Strukturen, die sich in der Schwebe zwischen Einsturz und Wiederaufbau befinden. Improvisationen durchziehen die Originalkomposition der Sängerin und Produzentin Rin Suemitsu und werden durch Assemblagen elektroakustischer Kompositionen für ein präpariertes Klavier erweitert.

Daybreak nimmt Aspekte des Romans von Joseph Kessel auf, der seinerseits Luis Buñuels psycho-sexuelles Drama Belle de Jour und Agnès Vardas neorealistischen Roadmovie Vagabond inspirierte, und imaginiert den Roman durch slapstickartige Brüche, Wiederholungen und Schleifen neu – gegen die patriarchale Vorstellung, dass “die Frau, die vom vorgezeichneten Weg abweicht, für ihre Wünsche bestraft wird und ins Verderben gerät”. Angesichts einer Welt, in der sich Beziehungen, Begegnungen und Intimität als Daten aufzeichnen, verbreiten und bewerten lassen, schlägt die Vagabundin das Verschwinden als Akt des Widerstands vor. Und doch hinterlässt jede Begegnung Spuren. Daybreak bewegt sich zwischen Isolation und Verbindung, Sichtbarkeit und Verschwinden, Zerstörung und Erneuerung. Dabei fragt das Stück, welche Formen der Intimität noch bleiben, wenn der Wunsch, nicht aufspürbar zu sein, auf den menschlichen Drang trifft, von der Welt berührt zu werden.

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Regie, Choreografie, Performance: Shade Théret
Komposition und Performance: Rin Suemitsu
Bühnenbild: Filippo Tocchi & Rin Suemitsu
Kostüm: Clever Disguises
Text: Shade Théret & Filippo Tocchi

Das Stück dauert 40 Minuten und wird am Donnerstag, 10. September, und am Freitag, 11. September, im CAMPO, einem Raum der SKKG (Stiftung für Kunst, Kultur & Geschichte), in Winterthur, aufgeführt.